Was bedeutet artgerechte und gewaltfreie Hundeerziehung?

Würde man in der Hundeszene nachfragen, fände man wahrscheinlich
niemanden, der nicht von sich behaupten würde, artgerecht und gewaltfrei mit
Hunden umzugehen. Jedoch scheint dies häufig nur eine Floskel zu sein, da
offensichtlich jeder etwas anderes mit den Begriffen artgerecht und gewaltfrei
verbindet und dies dementsprechend auch anders praktiziert. Von daher erachten
wir es als notwendig, zu erläutern, was wir unter einem artgerechten und
gewaltfreien Umgang verstehen.

Unter artgerechter Hundeerziehung verstehen wir einen Umgang mit
dem Hund, der es ermöglicht, dass vorhandene Potenzial, welches jeder Hund von
Natur aus mit sich bringt, zu nutzen. Jeder Hund kann als Welpe bereits sitzen,
Platz machen und bereitwillig und gerne herankommen. Wir müssen diese
natürlichen Verhaltensweisen nur ausreichend und dem jeweiligen Hund angemessen
in immer wieder unterschiedlichen Situationen fördern. Dabei gilt es, die
individuellen Voraussetzungen des Hundes zu berücksichtigen, denn kein Hund
lässt sich erfolgreich und nachhaltig nach einem standardisierten System oder
einer einheitlichen Methode erziehen. Fördern wir die erwähnten natürlichen
Verhaltensweisen und übernehmen aus Sicht des Hundes in entscheidenden Momenten
Verantwortung, wird er nichts lieber tun, als uns bereitwillig und in jeder
Situation zu folgen, denn jeder Hund bringt von Natur aus die Bereitschaft mit,
sich dem Menschen unterzuordnen und anzuschließen. Kein Hund ist von Haus aus
dominant oder will seinem Menschen nicht gefallen. Geht man nämlich
fälschlicherweise von der Annahme aus, ein Hund folge einem nur, wenn man ihn
über Stimme oder diktatorisches Auftreten herumkommandiert, passiert in der
Regel das Gegenteil. Der Hund blockiert und folgt nicht mehr seinem natürlichen
Trieb, sich dem Menschen anzuschließen. Ein souveränder Teamführer hat es aus
Sicht des Hundes nicht nötig, seine Rudelmitglieder herumzukommandieren oder
sogar zu bestrafen. Ein Hund lernt schneller, indem der Mensch sich zurücknimmt
und den Hund agieren lässt,was nicht bedeutet, dass der Mensch keine klaren
Regeln aufstellen und diese nicht durchsetzen soll. Der Hund sollte aber
selbstständig, durch den Menschen angeleitet, lernen dürfen, was richtig und
falsch ist.

Hinzu kommt, dass wir in der Mensch – Hund – Beziehung häufig dazu
neigen, unsere Hunde zu verniedlichen und menschliche Maßstäbe anzusetzen, um
ihren Gemütszustand zu beurteilen. Wir überlassen ihnen zu häufig zu viele
Entscheidungen und Privilegien oder lassen sie in, aus ihrer Sicht,
überlebenswichtigen Situationen alleine handeln. Dies hat nicht selten zur
Folge, dass ein Hund seine Pflichten, die ihm vom Menschen unbewusst übertragen
wurden, ernst nimmt. So kommt es dann möglicherweise zu, aus unserer Sicht,
problematischen Verhaltensweisen, wenn ein Hund zum Beispiel aggressiv auf
andere Artgleiche oder sogar Menschen reagiert. Es sei an dieser Stelle betont,
dass jedes Problemverhalten ausschließlich aus Sicht des Menschen besteht, der
Hund tut aus seiner Sicht das, was notwendig ist, um das Überleben seiner
Mensch – Hund Gemeinschaft zu sichern.

Unter gewaltfreier Hundeerziehung verstehen wir einen Umgang mit
dem Hund, der nicht darauf ausgelegt ist, ihm unerwünschtes Verhalten zu
verbieten oder irgendwelche Kommandos aufzudiktieren, die er dann mehr oder
weniger zuverlässig ausführt. Des Weiteren geht es darum, ihm zu zeigen, was er
tun soll, anstatt ständig zu verbieten, was er nicht tun soll. Dabei verzichten
wir selbstverständlich auf den Einsatz von vermeintlichen Hilfs- und
schmerzauslösenden Starkzwangmitteln. Außerdem verzichten wir darauf, Hunde
anzuschreien oder mit körperlichen Attacken wie Nackenschütteln, einem
Leinenruck oder einem Schnauzgriff zu konfrontieren. Sanktionen sämtlicher Art
sind überflüssig und haben beim Umgang mit dem Hund nichts zu suchen.

Obwohl wir artgerecht und gewaltfrei arbeiten, bedeutet dies
nicht, dass wir dem Hund antiautoritär gegenübertreten. Da der Hund aufgrund
seiner Natur in einer hierarchischen Struktur lebt, ist es absolut in Ordnung,
wenn der Mensch Regeln aufstellt, diese konsequent durchsetzt und Grenzen
zieht. Dies ist aus Sicht des Hundes sogar notwendig, da er es nicht
nachvollziehen kann, wenn heute etwas erlaubt ist und morgen wieder nicht.

Mirko Kopietz

 

Dieser Beitrag wurde unter Veröffentlichungen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.