„Der will doch nur spielen!“

Der spielende Hund – ein kontrovers diskutiertes Reizwort in fast allen Hundeforen, auf
der Hundewiese, auf den Spaziergängen. Spielen Hunde? Hm, eine schwierige Frage,
deren Antwort davon abhängt, wer sie gibt: Mensch oder Hund…

Die Fachwelt in Form anerkannter Verhaltensforscher weiß es schon lange: es gibt sie,
die Sozialspiele, bei denen bereits Welpen lernen, über diese Form der Kommunikation
eben selbige zu verfeinern. Und der eigene Hund spielt selbstverständlich auch – mit
dem Hund vom Nachbarn oder seiner allerliebsten Hundefreundin auf der Hundewiese.
Als beobachtender Mensch neigt man allerdings dazu, die persönliche Interpretation
dieses Spielverhaltens mit der eigenen (menschlichen) Vorstellung zu verbinden. Wie die
spielenden Kinder, die friedfertig im Garten gemeinsam Sandburgen bauen und ihr
Spielzeug freigiebig tauschen (oder auch nicht…). Was der einzelne Betrachter
angesichts seiner subjektiven Definition unter spielen versteht, ist so unterschiedlich wie
die Geschmacksempfindungen bei einem traditionellen Sushi-Essen.

Warum wir Menschen noch immer glauben, dass JEDER Hund spielen will, entzieht sich
meiner Kenntnis. Gleiches gilt für die meistens auf dem Fuße folgende Feststellung, dass
ein Hund, der NICHT spielen will, irgendwie gestört oder unsozial sein muss.

Offensichtlich liegt das Problem bei uns Menschen in punkto Hund darin begründet, dass
dieser in unseren Augen schon „fast“ zum Mensch mutiert ist: er weckt in uns Gefühle,
bedient das „Kindchen-Schema“, schaut so verständnisvoll und tröstet uns, wenn nötig.
In sein Ausdrucksverhalten interpretieren wir so abstruse Dinge wie „schuldbewusste
oder treue Blicke“ oder ein „er liebt mich“. In der ganzen langen Zeit, in der der Hund
nun schon Menschenbegleiter auf dieser Erde ist, scheint die Mehrheit der Halter
irgendwie vergessen zu haben (oder sie streiten es vehement ab, da es nicht in ihr
emotionales Weltbild passt), dass er ja „eigentlich“ mal ein Raubtier war, oder ist… oder gerne sein möchte.

Viele ursprüngliche Verhaltensweisen des Wolfes sind auch heute noch allgegenwärtig
und machen aus dem Hund das, was er auch heute, selbst im domestizierten Zustand,
(noch) ist: unverändert ein Nachfahre des Wolfes. Dennoch, die mitunter kuschelige
Hundeoptik im Kulleraugenformat macht es so manchem Halter unermesslich schwer, ihn
als solchen zu sehen, zu behandeln und zu würdigen.

„Du behandelst mich wie einen Hund!“ – beklagt so mancher Mensch… liegt es vielleicht
daran? Wenn man einen Hund wie einen Hund behandelt, behandelt man ihn
demzufolge „schlecht“? So mancher Hund würde seinen immer in gleicher Routine
stattfindenden Spaziergang, den Daueraufenthalt im Garten oder den Sofa-Platz mit
Begeisterung gegen einen artgerechten, ursprünglichen „Job“ eintauschen – Arbeit und
Anspruch statt gepflegte Langeweile, Monotonie und Unterforderung.

Käme man bei einer Kobra auf den Gedanken, dass sie nur spielen will, wenn sie sich
aufrichtet und zischt? Oder bei einem Elefantenbullen, wenn er laut trompetend mit
aufgerichtetem Rüssel und im Sauseschritt auf einen männlichen Artgenossen zustürmt?

Manche würden zumindest den Hauch eines berechtigten Zweifels hegen, ob dies
vielleicht auch einen anderen Grund haben könnte. Sind ja schließlich „wilde“ Tiere! Nicht
so beim Hund… leider!

Fast alle Konflikte, von denen wir hören, lesen oder die wir höchstpersönlich miterleben,
sind hausgemacht – durch den Faktor Mensch. Wir ermutigen den Hund, doch bitte
schön Kontakt aufzunehmen („… nun lauf doch, Bello, geh doch mal zur Susi spielen – so
eine nette Hundedame, die gefällt Dir bestimmt!“) oder vertrauen auf Moralvorstellungen
unter Hunden („.. aber Hektor, nun lass doch mal den Purzel in Ruhe – er ist doch viel
kleiner als Du!“). Wir sehen, was wir sehen und verstehen doch meistens nicht, was die
Hunde sich und uns zu sagen haben. Bereits beim rein körpersprachlichen Repertoire der
Hunde herrscht bei vielen Haltern nur eins: tiefste Nacht, gähnende Leere…

Ein Hund tut nichts ohne Grund – er ist und bleibt zielorientiert in seinem
Bestreben. Wie dieses Ziel aussieht, das mag von Hund zu Hund ein klein wenig
variieren. Der eine ist zufrieden, wenn er auf die Couch darf und verbindet damit keine
weiteren Ansprüche auf mehr Privilegien – andere sehen dieses Zugeständnis bereits als
Wegbereiter für mehr, viel mehr.

Auch ein Hund, der spielt, verfolgt ein Ziel; er tut es nicht „einfach so“. Da wird
der „Spielkamerad“ auf- bzw. herausgefordert (z.B. die Vorder-Tief-Stellung oder die
Renntirade, bekannt als die „dollen 5 Minuten“, das Anspringen/Anrempeln), es mit ihm/
ihr aufzunehmen, als Test und Anhaltspunkt dafür, wo genau man denn diesen
Artgenossen einsortieren kann oder muss. Sieht niedlich aus, gelle?! In der Regel stehen
Hundehalter milde und stolz lächelnd am Rande dieser Begegnungen, kleine rote
Glücksherzchen fallen ihnen buchstäblich aus den Augen und sie erfreuen sich
am „Spaß“, den ihre Hunde ja offensichtlich haben. Haben können – oder eben nicht.
Aber so mancher Halter lebt strikt nach der Devise „think positive“ – und bezieht Bello
doch Prügel, ist er es selbst Schuld und lernt daraus… (er wird lernen, ganz sicher, aber nicht das, was Sie glauben…!).

Beim Anblick von spielenden Hunden denke ich zumindest unwillkürlich immer an John
McEnroe. Kennen Sie ihn noch? Den weltbekannten Tennisspieler mit der wilden,
ungezügelten Sturmfrisur und ebensolchen Manieren auf dem Tenniscourt? Nehmen wir
also mal das Wort „Tennis-Spiel“. Auch hier – nach unserem menschlichen Verständnis –
spielen also 2 (oder manchmal 4) Akteure. Nur so? Harmonisch? Weil sie sich mögen und
an Sozialkontakten erfreuen?

Also, wenn ICH zum Tennisspiel gebeten würde, wäre das sicherlich so. Denn erstens…
weiß ich, dass ich grottenschlecht bin und kaum einen Ball treffe (und wenn doch, dann
platziere ich ihn überall, nur nicht im vorgegebenen Feld) – dementsprechend ist mein
Anspruch zu gewinnen minimal und mein Hauptziel nur eines: mich möglichst wenig zu
blamieren und auf ein frühes Ende zu hoffen. Zweitens… bin ich ein Mensch, der sich
selten provozieren lässt und drittens… habe ich kein Problem damit, zu verlieren. Ehre,
wem Ehre gebührt!

John McEnroe sähe das sicherlich ganz anders! Er konnte einfach nicht verlieren – er
lamentierte, pöbelte, provozierte. Er attackierte die Balljungen, zerschmetterte seine
Schläger noch auf dem Court, wenn der Punkt an seinen Kontrahenten ging. Er beleidigte
Spieler wie Stuhlrichter gleichermaßen und versuchte so ziemlich alles, seinen
Kontrahenten aus dem Rhythmus zu bringen. Wäre John ein Hund, würde er ohne
Zweifel knurrend mit gesträubten Nackenfell und steifem Gang auf den Court stolzieren,
zunächst ausgiebig am Richterstuhl markieren und dann scharrend seine Grundlinien-
Position einnehmen. Er würde mit Blicken sein Gegenüber provozieren und ein ganz
normaler Sieg käme für ihn nicht in Frage – es müsste schon eine alles übertreffende,
sang- und klanglose Niederlage seines Gegners sein, die ihn glücklich macht. Hier bekam
das Wort „Spiel“ die Bedeutung, die es in der Regel verdient: ein Kräftemessen, ein
gegenseitiges Ausloten der Fähigkeiten mit dem Ziel, zu gewinnen. Alleine das „wie“
bringt unterschiedliche Austragungsformen und Varianten zustande.

Die Variante „Steffi Graf“, zum Beispiel! Sie war mindestens genauso ehrgeizig wie John
McEnroe, aber sie war zweifelsohne ein fairer Spieler bzw. Gegner. Auch sie nahm Maß,
schätzte ihre Gegner ein, analysierte sie und versuchte, sie zu bezwingen. Aber mein
Zuschauerauge hatte immer den Eindruck, dass sie sich dabei an alle Regeln hielt und
sich ohne Provokation dem Besseren ergab. So stelle ich mir die Urform des Spielens
vor… antesten, ausloten, die richtige Einschätzung von gegnerischer Kommunikation und
Fähigkeiten… mit der daraus resultierenden, angemessenen Reaktion. Mal Gewinner, mal
Verlierer…

Wenn unsere Hunde also spielen, tun sie zunächst einmal eines: sie versuchen über
diese Form der Kommunikation ihren Artgenossen einzuschätzen. Manche Hunde sind
souveräne Meister darin – es genügt ein Blickkontakt, um die Verhältnisse klarzustellen;
andere hingegen provozieren durch gezielte Aktionen (Anspringen, Anrempeln, Beute
klauen, Vortragen von Spielzeug, Markieren und ausgiebiges Scharren etc.) eine
Gegenreaktion. Abhängig vom jeweiligen Wesen des Hundes kann sich daraus so

ziemlich alles entwickeln: ein harmloses „Kriech´ mich doch“, bei denen das Kräfte-
Messen dennoch ohne körperliche Ausschreitungen bleibt, weil der eine nicht übermäßig
provoziert und der andere ein sonniges Gemüt hat. Bis hin zum blutigen Ernst, falls hier
John „Bello“ McEnroe und Jimmy „Rambo“ Connors auf einander prallen…

Hunde zeigen uns jederzeit sehr eindeutig, welche Ziele sie verfolgen. Sie „erklären“ uns
unmissverständlich durch ihre Körpersprache, ob sie den Konflikt suchen (weil wir es
zulassen und sie sogar ins „offene“ Messer laufen lassen), ob sie ihr Heil lieber in der
Flucht suchen würden (falls eine Leine sie nicht daran hinderte), weil es in beiden Fällen
aufgrund mangelnder Führungsstärke am anderen Ende der Leine keine andere
Alternative für sie gibt. Einer muss führen, klären, entscheiden – und wenn es der
Hundehalter nicht tut, bleibt nur noch einer übrig für diesen Job…

Nicht alle Hunde sind kleine McEnroes – Gott sei Dank! Sie können in der Tat spielen
sprich: kommunizieren, ohne dass es zu Auseinandersetzungen oder Konfliktsituationen
kommt. Man sollte als durchschnittlich begabter Hundehalter aber über soviel Verstand
verfügen, dass man eben nicht von jedem Hund automatisch annehmen kann, dass er „so“ ist – schon gar nicht, wenn man ihn nicht kennt! Und wiederum beim eigenen
Hund die lieb gewonnenen Scheuklappen abnimmt und auch ihn einmal
unvoreingenommen beurteilt! Ist er eher ein John oder doch mehr eine Steffi…?

Leider herrscht in vielen Köpfen noch immer die Meinung vor, dass Hunde das „unter sich
ausmachen…“. Sicherlich, können sie und werden sie das auch tun – es bleibt ihnen ja
dank der Passivität ihrer Halter auch nichts anderes übrig! Diese haben schon vor langer
Zeit in (fast) jeder Situation die Entscheidungsgewalt und damit den „Führungsanspruch“
an ihre Hunde abgetreten. Die Hunde entscheiden – fight or flight!

Es ist ja auch so viel angenehmer und einfacher als (bequemer) Halter darauf zu
vertrauen, dass jedes Zusammentreffen „harmonisch“ verläuft… oder bei mangelnder
gegenseitiger „Chemie“ gepiercte Ohren und blutige Kratzer mit beiläufigen
Kommentaren zu überspielen. Die Symptome werden mit dem Mäntelchen der Ausreden
überdeckt, die Ursachen bleiben – das (un)wissentliche Delegieren der für Hunde
notwendigen Führung (souverän, gewaltfrei, wortlos) an sie selbst: Hund – entscheide,
was Du willst, aber tue nichts, was mir nicht gefällt! Wenn doch – dann bist Du das
Problem, nicht ich…

Es wäre schon sehr viel an den alltäglichen Konfliktsituationen, Streitigkeiten, Anzeigen
und Ordnungswidrigkeiten in Zusammenhang mit Hunden entschärft, wenn diverse
Halter – als Minimalanspruch – ihren (freilaufenden) Hund zuverlässig abrufen könnten –
und dies auch tun angesichts anderer Hunde, insbesondere dann, wenn diese angeleint
sind. Der debile „Meiner will nur spielen…“ – Spruch zeigt in der Regel nur eines: die
Unfähigkeit, den eigenen Hund zu kontrollieren und die Frechheit, sich über Regeln (z.B.
Leinenzwang) und/oder gegenseitigen Respekt hinwegzusetzen und im Gegenzug keck
aufzufordern, es ihnen gleich zu tun.

Zu toppen ist soviel Dummheit und Ignoranz nur noch durch eines: die Feststellung eben jener DDS-ler (Dog-Dumm-Schwätzer), dass der andere Hund „unsozial“ sei, wenn er
sich der stürmischen Kontrolle von DDS´s Fifi durch Abwehrhandlungen (Schnappen,
Beißen etc.) entzieht oder mit einem analogen Verhalten quittiert – mit dem Resultat
einer möglichen Beißerei.

Erstaunlicherweise sind es gerade diese Halter, die sich bereits durch die Bitte, ihren
Hund zurückzurufen, „provoziert“ fühlen und zum verbalen Gegenschlag ausholen.
Vielleicht sollte man ihnen das nächste Mal einmal in aller Ruhe die Spielregeln erklären –
und natürlich den Unterschied zwischen John und Steffi!

Da lob´ ich mir die Dame, die ich heute morgen mit ihrem Welsh Terrier traf. Sie rief ihre
Hündin zurück, leinte sie an, als sie mich, mit dem Fahrrad unter und Eddy (angeleint)
neben mir, sah. Wir kennen uns „vom Sehen“ (will heißen, ich kenne den Namen ihres
Hundes, aber nicht den ihrigen…) und als ich anhielt, um mit ihr kurz zu plaudern, fragte
sie, ob sie ihre Hündin wieder ableinen dürfe… oder mein Rüde ein Problem mit fremden
Hunden habe. Hatte er nicht, denn bei „uns“ nehme ich meinen Hunden diese
Entscheidung ab. Und wenn es für einen Hund nichts Entscheidendes zu entscheiden gibt, klappt´s auch mit dem stressfreien Umgang. Unter Hunden und Haltern
gleichermaßen…

Geschrieben von Martina Wald im Mai 2007

PDF: Der will doch nur spielen

Dieser Beitrag wurde unter Veröffentlichungen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.